Die schnelle Wespe mit Rennsport im Blut
Rund 126’000 gebaute Exemplare zwischen 1955 und 1961, acht PS und mehr als 100 km/h Spitze: Mit der Vespa 150 GS brachte Piaggio Mitte der Fünfziger eine Wäschpi auf die Strasse, die ihrem Namen Gran Sport alle Ehre machte. Vier Gänge und ein drehfreudiger Motor verliehen ihr das Temperament eines rassigen Boliden. Welche Spuren Piaggios Rennsportjahre in der GS hinterliessen, was ihre unverwechselbare Optik prägte und warum sie bis heute zu den begehrtesten klassischen Vespas zählt, schauen wir uns genauer an. Chumm mit uf e Rundi mit de Gran-Sport-Wäschpi.
Silber, lange Sitzbank und eine markante Taille
Bevor die ersten Käufer 1955 mit der Gran Sport auf die Strasse gingen, präsentierte Piaggio seine neue 150er bereits Ende 1954 auf der internationalen Velo- und Motorradausstellung in Mailand. Wer dort vor der GS stand, sah eine Vespa, die ihrer Zeit klar zuzuordnen war und doch mit einigen markanten Proportionen auffiel.
Kräftiges Heck und schmale Mitte
Besonders prägend war das kräftig geformte Heck. Die lange, relativ flache Sitzbank zog sich weit über die grossen, rund gewölbten Seitenbacken und schloss den hinteren Aufbau nach oben fast durchgehend ab. Direkt hinter dem Durchstieg zog der Hersteller aus Pontedera das Blech deutlich ein, bevor sich die Karosserie zu den Seitenbacken wieder weit öffnete. Diese schmale Taille gab der Seitenansicht ihre charakteristische Spannung: Auf die vergleichsweise schmale Mitte folgte ein volles, weich gerundetes Heck.
Auch die 10-Zoll-Räder prägten die Proportionen. Vorne umschloss ein tief heruntergezogener, stark gewölbter Kotflügel den Reifen eng, während hinten ein grosser Teil des Rades unter der ausladenden Seitenbacke verschwand. Zusammen mit der langen Sitzbank streckten die grösseren Räder die Seitenlinie, ohne die für die GS so typischen Rundungen des Hecks aufzulösen.

Lenker, Blech und Silber
Über dem Beinschild sass der runde Scheinwerfer in einem schlanken, verkleideten Lenkerkopf. Bei der frühen VS1 verliefen die Bowdenzüge der Lenkerbedienung noch sichtbar aussen am Lenker. Gerade dieses Zusammenspiel aus geschlossenem Lenkerkopf und offen geführten Zügen gab der frühen Gran Sport einen feinen technischen Akzent.
Die Seitenbacken kamen mit wenig Zierrat aus. Ihre grossen gewölbten Blechflächen wurden auf der Motorseite von den waagerechten Lüftungsschlitzen durchbrochen, hinzu kamen wenige kleine Zierelemente. Dazu passte die silberne Lackierung, die das Erscheinungsbild der 150 GS über ihre Bauzeit hinweg prägte. Dass Piaggio mit der GS mehr vorhatte, als eine weitere 150er ins Rennen zu schicken, zeigte sich auch bei ihrer Stellung innerhalb der damaligen Vespa-Familie.
Piaggios sportliche Spitze in der 150er-Klasse
1955 stand die Gran Sport nicht allein in der 150er-Klasse: Piaggio baute bereits eine reguläre Vespa 150 mit ebenfalls 145,6 cm³ Hubraum. Gerade der Vergleich zeigt, wie weit die GS technisch darüber hinausging.
Mehr Tempo für die Gran Sport
Während die reguläre 150 auf rund 83 km/h kam, knackte die Gran Sport mit etwa 101 km/h erstmals bei einer serienmässigen Vespa die Marke von 100 km/h. Für die Fünfziger war das auf einem Blechroller eine Ansage. Dazu kamen deutlich mehr Leistung und vier statt drei Gänge. Der Hersteller aus Pontedera hatte die GS damit weit stärker auf Tempo und Fahrspass ausgelegt als die normale 150. Gleicher Hubraum bedeutete hier also keineswegs dieselben Fahrleistungen.
Geschwindigkeit hat ihren Preis
Der Unterschied zeigte sich auch beim Preis. Während die Vespa 150 mit 148’000 Lire zu Buche schlug, kostete die Gran Sport 178’000 Lire. Für die zusätzlichen 30’000 Lire bekamen Vespisti weit mehr als eine sportliche herausgeputzte 150er. Die GS bot eine Konstruktion, die in mehreren Punkten auf ihre höheren Fahrleistungen abgestimmt war. Damit nahm sie innerhalb der damaligen Vespa-Familie eine klare Spitzenstellung ein. Die normale 150 blieb der kräftige Roller für Alltag und längere Wege, während die Gran Sport deutlich stärker auf Tempo und Fahrspass ausgerichtet war. Piaggio zeigte mit ihr, wie sportlich ein Roller in Grossserie bereits Mitte der Fünfziger sein konnte.

Rekorde, Rennen und die Sei Giorni
Dass die Gran Sport so viel mehr Biss hatte als ihre 150er-Schwester, hatte eine Vorgeschichte. Der Hersteller aus Pontedera beschäftigte sich schon seit 1947 intensiv mit schnellen Wettbewerbs-Vespas und lotete aus, was sich aus der kleinen Zweitakt-Wespe herausholen liess. Am 7. April 1950 wechselten sich auf dem französischen Kurs von Montlhéry drei Fahrer zehn Stunden lang auf einer speziell aufgebauten Vespa ab. Am Ende standen 1’049 gefahrene Kilometer und gleich 17 Weltrekorde.
Legendäre Erfolge in Varese
Ein Jahr später wartete in Varese eine ganz andere Herausforderung. Bei der Internationalen Sechstagefahrt mussten Mensch und Maschine sechs Tage lang auf anspruchsvollen Strecken, unter Zeitdruck und in unterschiedlichen Prüfungen bestehen. Piaggio schickte dafür zehn eigens für den Wettbewerb aufgebaute Roller an den Start. Das Ergebnis machte Geschichte: Neun der zehn Piaggio-Fahrer holten eine Goldmedaille.
Die in Varese eingesetzte Vespa Sport wurde nach diesem Erfolg als „Sei Giorni“ bekannt. Für die harte Sechstagefahrt hatte Piaggio sie deutlich sportlicher und robuster ausgelegt als eine gewöhnliche Serien-Vespa. Zu ihren auffälligen Besonderheiten gehörten ein grösserer Tank, ein schmaler ausgeführtes Beinschild und eine veränderte rechte Seitenbacke, die Platz für den direkt am Zylinder sitzenden Vergaser schuf.
Für die spätere 150 GS wurde dieser Wettbewerbs-Roller interessant. Der Hersteller aus Pontedera griff bei der Gran Sport auf technische Lösungen zurück, die sich zuvor an der Sei Giorni bewährt hatten. Der sportliche Biss der GS kam damit nicht aus dem Prospekt, sondern hatte seine Wurzeln in einer Zeit, in der Piaggio mit der Vespa Rekorde jagte und bei internationalen Wettbewerben um Medaillen fuhr.
Acht PS, vier Gänge und ein abgestimmtes Fahrwerk
Bei der Gran Sport arbeitete ein 145,6-cm³-Zweitakter mit 8 PS bei 7’500 U/min – für eine Vespa jener Jahre eine ausgesprochen drehfreudige Auslegung. Der Vergaser sass direkt am Zylinder, und erstmals bekam eine Vespa ein Vierganggetriebe. Damit liess sich der Motor besser in dem Drehzahlbereich halten, in dem er seine Leistung abgab. Der Hersteller aus Pontedera stimmte Motor, Kraftübertragung und Fahrwerk so aufeinander ab, dass der Roller dieses Tempo überhaupt erreichen und nutzen konnte. Genau darin lag der Unterschied zu einer lediglich stärkeren 150er: Die Gran Sport war in mehreren Baugruppen auf ihre deutlich höheren Fahrleistungen ausgelegt.

Von VS1 bis VS5: Piaggio feilt an der Gran Sport
Die erste Gran Sport von 1955 trug die Kennung VS1T. In den folgenden Jahren überarbeitete Piaggio einzelne Baugruppen und Ausstattungsmerkmale Schritt für Schritt. Bis zum Ende der Baureihe entstanden so fünf Serien von VS1 bis VS5. Schon am Lenker lässt sich die Entwicklung gut verfolgen. Bei der VS1 verliefen die Bowdenzüge der Lenkerbedienung noch sichtbar aussen. Spätere Ausführungen führten sie innerhalb des Lenkers, wodurch der Bereich um Scheinwerfer und Griffe geschlossener wirkte. Auch die Sitzbank passte der Hersteller aus Pontedera an. Bei der VS3 fiel sie runder aus als bei den frühen Modellen. Zusätzlich erhielt das Beinschild glänzende Edelstahlkanten.
Noch auffälliger wurde die Modellpflege bei der letzten Serie. Die VS5 bekam einen neuen Tacho, dessen breite, aufgefächerte Form sofort ins Auge fällt. Seine Skala reichte bis 120 km/h und passte durchaus selbstbewusst zu einer Vespa, die serienmässig bereits die 100-km/h-Marke erreichte. Auch an den Rädern lässt sich eine späte GS erkennen: Piaggio wechselte von vier auf fünf Befestigungspunkte. Am Heck kam ein geändertes Rücklicht mit Bremslicht hinzu, während auch Kotflügelzier, Bremsen, Vergaser und Zylinderkopf im Lauf der letzten Serie überarbeitet wurden. Solche Änderungen machten aus VS1 und VS5 keine völlig verschiedenen Roller. Die charakteristische Form, der 145,6-cm³-Motor und die sportliche Ausrichtung blieben erhalten. Piaggio verfeinerte eine Wäschpi, die sich längst etabliert hatte und bis 1961 in rund 126’000 Exemplaren gebaut wurde.
Eine Sport-Vespa mit langem Nachhall
Mit dem Ende der 150 GS war die Geschichte der sportlichen Vespa noch lange nicht vorbei. 1962 stellte Piaggio die 160 GS als Nachfolgerin vor. Später führten die 180 Super Sport und schliesslich die Rally diesen Strang mit grösserem Hubraum und weiterer technischer Entwicklung fort. Die 150 GS steht damit weit vorne in einer Reihe von Modellen, bei denen Leistung und Fahrfreude stärker in den Mittelpunkt rückten. Was 1955 mit 145,6 cm³, vier Gängen und gut 100 km/h für Aufsehen sorgte, entwickelte Piaggio in den folgenden Jahren mit grösseren Motoren und weiterer technischer Entwicklung weiter. Geblieben ist aber auch ihre Form. Das silberne Blech, die weit nach hinten gezogene Sitzbank, die kräftigen Seitenbacken und die schmale Taille ergeben eine Silhouette, die sich deutlich von späteren Sport-Vespas unterscheidet. Die GS musste dafür weder aggressiv aussehen noch ihren sportlichen Anspruch mit auffälligen Dekoren zeigen. Bei ihr steckten Tempo und Temperament in einem Roller, dessen Linien weich und elegant blieben. Auch weit über den Kreis der Vespisti hinaus fand die Optik der 150 GS Anerkennung. Eine Vespa 150 GS von 1955 gehört heute zur Designsammlung des Museum of Modern Art in New York.
Für viele Vespisti liegt ihr Reiz in der besonderen Mischung, die wir schon gesehen haben: Die GS steht am Anfang der sportlichen Serien-Vespas, trägt technische Erfahrungen aus Piaggios Rennsportjahren in sich und brachte Fahrleistungen auf die Strasse, die Mitte der Fünfziger für eine Vespa aussergewöhnlich waren. Dazu kommt ihre unverwechselbare Form mit langer Sitzbank, markanter Taille und kräftig gerundeten Seitenbacken. Genau diese Verbindung macht die Gran Sport bis heute zu einer der begehrtesten Wäschpis ihrer Epoche. Vielleicht liegt darin auch der eigentliche Reiz der Gran Sport. Piaggio verband bei der 150 GS Rennsporterfahrung, hohe Fahrleistungen und eine elegante, unverwechselbare Form zu einer Vespa, die in vielerlei Hinsicht neue Massstäbe setzte.





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