Sechs Tage, neun Goldmedaillen und eine besondere Vespa
Sechs Tage, zehn Vespas und neun Goldmedaillen: Bei der internationalen Sechstagefahrt von Varese feierte Piaggio 1951 einen seiner grössten Rennsport-Erfolge. Aus den Wettbewerbsrollern entstand anschliessend die seltene Vespa Sport Sei Giorni – und 66 Jahre später erinnerte Piaggio mit einer modernen Sonderedition wieder an diesen Triumph. Wir erzählen die Geschichte einer Vespa, deren Name bis heute untrennbar mit Varese verbunden ist. Gang i d’Startposition – d’Sei Giorni wartet scho.
Die Legende von Varese
Die 94 prangte gross auf dem Beinschild von Giuseppe Caus Vespa. Mit einem modifizierten 125er Roller stand der Piaggio-Rennfahrer an diesem 18. September 1951 am Start zur Sei Giorni, einer internationalen Sechstagefahrt rund um die Stadt Varese im Nordwesten der Lombardei. Bereits die erste Etappe führte ihn und die anderen Fahrer über 380 Kilometer durch Norditalien, unter anderem Richtung Biella und Oropa. In den folgenden Tagen warteten weitere lange Tagesetappen, Bergstrassen, raue Wegabschnitte und eine Nachtfahrt über mehr als 100 Meilen auf die Teilnehmer, bevor die Veranstaltung mit der abschliessenden Geschwindigkeitsprüfung in Monza endete.
Für die Schönheit der Landschaft hatten weder Giuseppe Cau noch die anderen neun Fahrer des Piaggio-Teams Augen. Denn Steigungen, schlechte Fahrbahnen und wechselnde Untergründe brachten die Roller der Teilnehmer an ihre Grenzen und forderten permanente Aufmerksamkeit. Doch Giuseppe Cau, Ivo Granchi, Dino Mazzoncini, Carlo Merlo, Ferdinando Nesti, Pierino Opessi, Miro Riva, Bruno Romano, Alberto Vivaldi und Natale Biasci, die anderen Fahrer des Piaggio-Teams, waren gut vorbereitet. Und sie sollten in den nächsten sechs Tagen Geschichte schreiben.
Als am 23. September 1951 146 Fahrer der ursprünglich 220 Teilnehmer die abschliessende Geschwindigkeitsprüfung im Autodromo Nazionale di Monza absolviert hatten, knallten beim Team Piaggio die Sektkorken. Denn der Triumph, den das Team aus Pontedera errang, ist bis zum heutigen Tage einer der grössten in der langen und ruhmreichen Rennsportgeschichte des Zweiradherstellers aus der Toskana. Neun Goldmedaillen fuhren Cau und seine neun Teamkollegen ein. Nur Natale Biasci schied nach einem Unfall aus. Von den 19 italienischen Goldmedaillengewinnern sass damit fast die Hälfte auf einer Vespa. Für Piaggio wurde Varese zum absoluten Höhepunkt seiner frühen Rennsporthistorie. Dieser Erfolg gab den speziell für diese Sechstagefahrt entwickelten 125er Vespas den Namen, mit dem sie fortan verbunden blieben: Vespa Sport Sei Giorni.

Vom Werksroller zur kleinen Wettbewerbsserie
Nach dem Erfolg von Varese entwickelte Piaggio die speziell für den Werkseinsatz aufgebauten 125er zu einer kleinen Serie weiter. Rund 300 Sei Giorni Vespas entstanden für Fahrer, die damit bei Wettbewerben antreten wollten, bei denen neben Geschwindigkeit auch Zeitvorgaben, Zuverlässigkeit und das Bewältigen langer, schwieriger Strecken eine entscheidende Rolle spielten. In den Jahren 1952 und 1953 baute der Hersteller aus der Toskana die Modelle der Kleinserie, wobei einzelne technische Details gegenüber den zehn Varese-Maschinen verändert wurden.
Die Serien-Sei-Giorni: sieben PS auf zehn Zoll
Der Einzylinder-Zweitakter der Sei-Giorni-Vespas hatte 124,2 cm³ Hubraum; Bohrung und Hub betrugen jeweils 54 Millimeter. Seine 7 PS reichten für rund 95 km/h. Die Kraft wurde über ein Dreiganggetriebe übertragen. Mit etwa 95 Kilogramm blieb die 125er vergleichsweise leicht.
Beim Vergaser unterschied sich die Kleinserie deutlich von den Varese-Maschinen. Während die Varese-Ausführung mit einem Dell’Orto SSI 25 C antrat, verwendete Piaggio bei den Serienmodellen einen Dell’Orto SSI 23 C. Bei der Kleinserie vereinheitlichte der Hersteller zudem die Radgrösse. Die 1951 eingesetzten Rennroller kombinierten vorne einen 3.00 × 10-Zoll-Reifen mit einem 3.50 × 8-Zoll-Reifen hinten. Bei den Sei-Giorni-Modellen von 1952 und 1953 setzte Piaggio dagegen vorne wie hinten auf 3.00 × 10 Zoll. Vorn wie hinten verzögerten Trommelbremsen.

Offener Lenker, Einzelsattel und schmale Taille
Optisch liess sich die Verbindung zu den Varese-Vespas deutlich erkennen. Auch bei den Sei-Giorni-Modellen, die ab 1952 in Serie gebaut wurden, stand das Beinschild schmal und steil vor dem Fahrer, darüber blieb der Rohrlenker vollständig offen. Der Scheinwerfer sass tief auf dem vorderen Kotflügel. Hinter dem Beinschild verengte sich die Karosserie stark, bevor sich die hinteren Seitenpartien rund und kräftig nach aussen wölbten.
Ein kurzer, gefederter Sattel liess den oberen Bereich des Hecks wesentlich offener wirken als bei späteren Vespas mit langer Sitzbank. Senkrecht im Durchstieg stand ein Reserverad, das mit einem Riemen gehalten wurde. Es nahm damit einen Teil des Bereichs zwischen Beinschild und Sattel ein und verlieh dem Blechroller eine sehr markante Seitenansicht. Hinter dem Sattel lag der deutlich sichtbare, vergrösserte Tank, während sich die Seitenhauben tief und rund über das Hinterrad zogen.
Ende einer kurzen Karriere
1953 stellte man in Pontedera die Fertigung der Sei-Giorni-Kleinserie ein. Auch wenn die Produktion damit nach nur zwei Jahren endete, sollte es nicht die letzte Vespa sein, die diesen glorreichen Namen trug. Genau 66 Jahre später würdigte Piaggio den Triumph von Varese erneut – mit einer neuen Vespa Sei Giorni. Das 2017 vorgestellte Sondermodell war aber kein modernisierter Nachbau des historischen Wettbewerbsrollers, sondern eher eine Reminiszenz an den Erfolg von 1951. Für die Präsentation des neuen Rollers wählte Piaggio natürlich Varese, den Ort des damaligen Triumphs.
Die moderne Sei Giorni von 2017
Technisch basierte die neue Sei Giorni auf der Vespa GTS 300. Ihr flüssigkeitsgekühlter Viertakt-Einzylinder verfügte über 278 cm³ Hubraum, Einspritzung und vier Ventile. Er leistete 21,2 PS bei 7’750 U/min und entwickelte 22 Nm Drehmoment bei 5’000 U/min. Die Kraftübertragung übernahm eine stufenlose Automatik; dazu kamen ABS, Scheibenbremsen und 12-Zoll-Räder.
Optisch erinnerte die Neuauflage aber tatsächlich an das historische Vorbild, denn der Hersteller aus Pontedera griff markante Elemente des Rennrollers von 1951 wieder auf. Wie bei der damaligen Sei Giorni sass der Rundscheinwerfer tief auf dem vorderen Kotflügel, während seitlich sichtbare Metallrohre am Lenker an dessen offen ausgeführte Lenkerpartie erinnerten. Neu waren diese beiden Gestaltungselemente bei einer modernen Vespa allerdings nicht: Piaggio hatte sie bereits bei der GTV verwendet, die ihrerseits Formen früher Vespa-Modelle aufgriff. Bei der Sei Giorni bildeten sie nun den Rahmen für deutlich konkretere Hinweise auf die berühmte Wettbewerbsmaschine.

Die 6 kehrt zurück
Am deutlichsten zeigte sich dieser Bezug in den grossen schwarzen Startnummernfeldern mit der weissen 6 auf Beinschild und Seitenpartie. Dazu kamen das matte Grün der Karosserie, schwarze Räder und ein schwarzer Auspuff sowie rote Akzente an Federbein und Felgen. Die lange Sitzbank erinnerte in ihrer Form an einen Rennsattel, bot aber weiterhin Platz für zwei Personen. Eine nummerierte Plakette kennzeichnete jedes Exemplar als Sonderedition.
Trotz dieser Anleihen übernahm man nicht die schmale Silhouette des historischen Rennrollers. Das weit ausgestellte Beinschild, die grossflächigen Seitenhauben und das kräftig gerundete Heck behielten die deutlich volleren Proportionen der modernen GTS.
Zweite Edition, stärkerer Motor
Nach dem kommerziellen Erfolg der ersten modernen Sei Giorni brachte Piaggio 2019 die nummerierte Sei Giorni II Edition heraus. Technisch basierte auch sie auf der Vespa GTS 300, der Hersteller stattete das Sondermodell nun jedoch mit dem 300-HPE-Motor aus. Mit dem neuen Aggregat stiegen Leistung und Drehmoment deutlich: Der flüssigkeitsgekühlte Viertakt-Einzylinder verfügte weiterhin über knapp 278 cm³ Hubraum, leistete jetzt aber 23,8 PS bei 8’250 U/min und entwickelte 26 Nm bei 5’250 U/min.
Auch die II Edition erinnerte mit mehreren Gestaltungselementen an das historische Vorbild. Der tief sitzende Rundscheinwerfer, die seitlich freiliegenden verchromten Lenkerrohre, der runde Tacho und die grossen schwarzen Startnummernfelder mit der weissen 6 blieben erhalten. An die Stelle des matten Grüns trat jedoch ein eigenes Sei-Giorni-Grau, das einen stärkeren Kontrast zu den schwarzen Bauteilen und roten Akzenten bildete. Piaggio überarbeitete zudem einzelne Details: Die Front erhielt eine anders gestaltete Mittelpartie, am Heck kam ein LED-Rücklicht zum Einsatz. Die lang gestreckte Sitzbank, die dunklen Räder und der schwarze Auspuff übernahm die II Edition dagegen von ihrer Vorgängerin. Auch die Grundproportionen änderten sich nicht: Weit ausgestelltes Beinschild, grossflächige Seitenhauben und das kräftig gerundete Heck liessen weiterhin klar die moderne 300er-Vespa erkennen.
Sechs Tage, die man in Pontedera nie vergass
Sei Giorni blieb untrennbar mit einem der ruhmreichsten Kapitel in Piaggios Rennsportgeschichte verbunden. Der Name stand für einen Erfolg, dessen Bedeutung die kurze Produktionszeit der historischen Kleinserie weit überdauerte. Die seltene historische Sei Giorni und die späteren Hommagen erinnerten auf unterschiedliche Weise an diesen Ursprung. Varese blieb damit der feste Bezugspunkt des Namens Sei Giorni und Teil jener glanzvollen Phase, in der Piaggio mit der Vespa im internationalen Wettbewerb für Aufsehen sorgte.




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