Eine Ikone aus Pontedera
Das Ciao-Töffli kennt fast jeder – seine Schwester aus Pontedera steht dagegen selten im Rampenlicht. Dabei hat das Boxer-Töffli allen Grund, gesehen zu werden, denn es ist ein charaktervolles Piaggio-Mofa mit eigener Linie und einer Geschichte, die bis in die frühen Siebziger zurückreicht. In unserem Artikel erfährst du alles über seine Herkunft, seine Optik und seine Technik – vom Motor und Antrieb bis zu den Unterschieden zwischen den beiden Baureihen. S Ciao kennsch – jetzt isch s Boxer-Töffli dra. Also, lueg ine und entdeck die ander Piaggio-Perle us Pontedera.
Ein rares Stück Piaggio-Geschichte
Einem Boxer-Töffli begegnest du heute nur noch selten. Entdeckst du doch einmal eines auf der Strasse, zieht es deshalb schnell die Blicke auf sich. Das Piaggio Boxer Mofa gehört zur Familie der leichten Töfflis aus Pontedera und ist technisch eng mit dem Ciao und dem Si verwandt. Seine eigenständige Form und die unverwechselbare Linienführung verleihen ihm dennoch einen ganz eigenen Charakter. Mit einem Gewicht von rund 50 Kilogramm gehört das Boxer-Töffli zu den leichteren Piaggio-Mofas seiner Zeit. Dass heute vergleichsweise wenige Exemplare unterwegs sind, liegt vor allem an der deutlich kürzeren Produktionszeit. Piaggio fertigte das Boxer Mofa von 1970 bis 1983, während das Ciao-Töffli beinahe vier Jahrzehnte lang vom Band lief. Hinzu kommt das Alter: Die frühesten Boxer-Töfflis haben inzwischen mehr als ein halbes Jahrhundert hinter sich. Viele verschwanden im Laufe der Jahre aus dem Strassenbild. Umso besonderer ist ein gut erhaltenes Exemplar, das heute noch auf der Strasse unterwegs ist.

Schlanke Linie, klarer Aufbau – die Optik
Von der Seitenlinie über die Front bis zum Heck – das Boxer-Mofa zeigt seinen Charakter in klaren, schnörkellosen Formen.
Die lange, niedrige Seitenlinie
Von der Seite wirkt das Boxer-Töffli lang und niedrig. Die obere Rahmenlinie verläuft vom Steuerkopf über den tiefen Durchstieg bis zur ansteigenden Seitenpartie über dem Hinterrad. Ein aufgesetzter Tank unterbricht diese Linie nicht: Der Kraftstoff befindet sich in einem separaten Kunststofftank unter dem Sitz, der hinter den lackierten Rahmenblechen verborgen bleibt. Unterhalb des Rahmens zieht sich die lange, waagrechte Antriebsabdeckung bis zum Hinterrad und betont die gestreckte Form zusätzlich.
Sichtbare Velo-Wurzeln des Boxer-Töfflis
Beim Boxer-Töffli ist noch gut zu erkennen, wo die frühen Mofas konstruktiv ihren Anfang nahmen: beim Velo. Die filigranen Speichenräder, der hoch angesetzte Lenker und die Pedale unterhalb des Motors prägen die leichte, offene Linie des Piaggio Boxer Mofas. Wie deutlich dieser Velo-Charakter hervortritt, hängt auch von der Sitzvariante ab. Beim kurzen Einzelsattel bleibt die Sattelstütze sichtbar, der Rahmen wirkt offener und die Verwandtschaft zum Velo tritt stärker hervor. Mit langer Sitzbank erscheint der hintere Bereich geschlossener, sodass das Boxer-Töffli stärker der vertrauten Mofa-Silhouette entspricht.
Die Front und ihr rechteckiger Lampenkasten
Vorne zieht der Scheinwerfer des Boxer Mofas den Blick auf sich, denn statt einer kleinen Rundleuchte trägt das Mofa einen rechteckigen Lampenkasten, der es unverwechselbar macht. Darüber sitzt ein hoher, verchromter Töffli-Lenker mit schwarzen Griffen, und die Bremszüge laufen offen zu den Hebeln. Die Gabel darunter ist schmal gehalten, das vordere Schutzblech rund gezogen.
Heck, Antriebsdeckel und Räder
Die breite, lackierte Seitenpartie folgt am Heck dem Bogen des Hinterrads. Ihr grosser Radausschnitt und die ringsum sichtbaren Befestigungsschrauben gehören zu den auffälligsten Merkmalen des Boxer-Töfflis. Darüber verläuft der Gepäckträger, der die Linie des Hecks nach hinten weiterführt. Die Anordnung der Embleme und Dekore unterscheidet sich je nach Baureihe und Baujahr. Auf den Seitenflächen finden sich das Piaggio-Sechseck, der Boxer-Schriftzug oder ein schmaler Zierstreifen. Bei verschiedenen Ausführungen des Boxer 2 steht der Modellname dagegen gut sichtbar auf dem langen Antriebsdeckel. Dieser zieht sich unterhalb des Rahmens bis zum Hinterrad. Pedale und Kurbeln bleiben darunter sichtbar, während der Auspuff tief an der Fahrzeugseite nach hinten verläuft. Die schmalen Speichenräder mit ihren blanken Felgenringen und sichtbaren Trommelbremsnaben geben dem Boxer-Töffli seinen typischen, unverwechselbaren Look.
Der Motor der Perle
Im Boxer-Töffli steckt ein Motor aus Piaggios liegender 50-cm³-Zweitaktfamilie, die 1967 mit dem Ciao-Töffli eingeführt wurde. Typisch für diesen Antrieb sind der waagerecht angeordnete Zylinder, der Drehschiebereinlass an der Kurbelwelle und die Gebläsekühlung. Für das Boxer Mofa stimmte Piaggio unter anderem Vergaser, Luftfilter, Auspuff und Übersetzung auf das jeweilige Modell ab. Mit 38,4 Millimetern Bohrung und 43 Millimetern Hub kommt der Einzylinder auf 49,77 Kubikzentimeter, die Verdichtung beträgt 9:1. Der liegende Zylinder befindet sich tief zwischen den seitlichen Blechpartien. Ein Lüfterrad am Polrad fördert deshalb Kühlluft unter die Gebläsehaube und führt sie gezielt über Zylinder und Zylinderkopf. Für die Gemischaufbereitung sorgt ein Dell’Orto SHA 12/10. Der kompakte Schiebervergaser kommt ohne Düsennadel aus und ist entsprechend übersichtlich aufgebaut. Den Zündfunken liefert eine Schwunglicht-Magnetzündung mit Unterbrecherkontakt, die zugleich die Beleuchtung mit Strom versorgt. Der Motor läuft mit einem Mischverhältnis von 1:50, also zwei Prozent Misch-Öl.
Keilriemen statt klassischer Antriebskette
Typisch für das Boxer-Töffli ist der Antrieb über einen Keilriemen. Den Motor bringst du mit den Pedalen in Schwung, danach übernimmt die automatische Fliehkraftkupplung. Eine Handkupplung oder manuelle Schaltung brauchst du nicht: Gas geben genügt, und das Boxer Mofa setzt sich in Bewegung. Eine separate Pedalkette bleibt für den Startmechanismus und das Treten bei abgestelltem Motor erhalten. Der Riemen überträgt die Motorkraft zur Hinterradnabe, in der auch das Untersetzungsgetriebe sitzt. Im Vergleich zu den Antriebsketten vieler klassischer Töfflis läuft dieses System leise und benötigt keine regelmässige Schmierung. Kontrolliert werden müssen vor allem der Zustand und die Spannung des Riemens.
Piaggio bot das Boxer-Töffli mit zwei Antriebsvarianten an. Beim Monoantrieb bleibt die Übersetzung während der Fahrt unverändert. Diese Ausführung ist einfach aufgebaut und kommt mit wenigen beweglichen Teilen aus. Die Variomatik passt die Übersetzung dagegen automatisch an Geschwindigkeit und Motordrehzahl an. Dadurch beschleunigt das Boxer-Töffli leichter aus dem Stand und kommt an Steigungen besser voran. Von aussen erkennst du die Varianten meist am Riemendeckel. Beim Monoantrieb fällt er vergleichsweise flach aus, während der Deckel bei der Variomatik im hinteren Bereich stärker nach aussen gewölbt ist.
Zwei Serien: Boxer und Boxer 2
Piaggio brachte das Boxer Mofa zunächst als Boxer auf den Markt und entwickelte es einige Jahre später zum Boxer 2 weiter. Die zweite Baureihe behielt den liegenden Zweitaktmotor, den Keilriemenantrieb und die gefederte Hinterradaufhängung bei, wirkte mit ihren 17-Zoll-Rädern aber etwas kompakter. Das frühe Boxer-Töffli rollte noch auf 18-Zoll-Rädern: Die B1M-Ausführung war mit Pneus der Dimension 2.00–18 ausgestattet, bei B3M und B2V kamen 2¼–18 zum Einsatz. Beim Boxer 2 wechselte Piaggio auf 2¼–17.

Auch an der Vorderradführung entwickelte Piaggio das Boxer-Töffli weiter. Die B1M-Ausführung besass noch die vom Ciao-Töffli bekannte geschobene Kurzschwingengabel. Beim B3M und beim B2V kam bereits eine Teleskopgabel zum Einsatz, die beim Boxer 2 schliesslich für beide Antriebsvarianten zum Standard wurde. Beide Baureihen gab es mit Monoantrieb und Variomatik. Beim frühen Boxer arbeiteten B1M und B3M mit festen Riemenscheiben und einem konstanten Übersetzungsverhältnis, während das B2V-Modell bereits mit einem Variator ausgerüstet war. Beim Boxer 2 trugen die beiden Ausführungen die Kennungen BTM und BTV. Der Monoantrieb war einfacher aufgebaut, die Variomatik passte die Übersetzung dagegen während der Fahrt an und verschaffte dem Boxer-Töffli vor allem beim Anfahren und an Steigungen Vorteile.
Ein Töffli, das unvergessen bleibt
Neben dem berühmten Ciao-Töffli stand das Boxer-Mofa stets etwas im Schatten seiner bekannten Schwester. Genau das macht es heute interessant: Es begegnet dir seltener, bleibt aber ein besonders liebenswerter Klassiker aus Pontedera. Stehst du heute vor einem, hast du je nach Baujahr einen Piaggio-Oldtimer aus den Siebzigern vor dir – inzwischen also über ein halbes Jahrhundert alt. Die Zeit siehst du ihm an: an der Patina, an den schmalen Speichenrädern, am langen Antriebsdeckel, am rechteckigen Lampenkasten und am schlanken Rahmen. Das Boxer Töffli ist ein Piaggio-Mofa mit eigenem Gesicht: weniger präsent als die Ciao-Perle, aber gerade deshalb eine besondere Entdeckung für alle, die alte Töfflis mit Charakter mögen.







0 Kommentare