Vespa Cosa

7 Sep. 2026

Wie Piaggio die Vespa neu erfand

Ende der Achtziger schickte Piaggio mit der Cosa einen Roller auf die Strasse, der mit dem vertrauten Design brach. Kantigere Formen und viel Kunststoff kennzeichneten die damals neuste Perle aus Pontedera. Und ja, Liebe auf den ersten Blick war es für viele Vespisti nicht. Trotzdem fand die Cosa ihre Käufer, bekam Anerkennung für ihre modernisierte Technik und wurde mit der Cosa 2 nochmals weiterentwickelt. Warum Piaggios mutige Wäschpi dennoch nicht dauerhaft den Platz der PX einnahm und was sie heute so besonders macht, schauen wir uns genauer an. So viel Kante het e Wäschpi selten zeigt – genau drum isch d’Cosa spannend.

Radikal neu: ein Name als Ansage

Als Piaggio Ende der Achtziger an einem Nachfolger für die PX arbeitete, sollte es nicht bei einer behutsamen Überarbeitung bleiben. Die seit 1977 gebaute PX-Modellreihe hatte sich längst etabliert, doch Gestaltung und Technik sollten deutlich moderner werden. Das Projekt trug zunächst den Namen Vespa R, wobei das R für Rinnovata, also „erneuert“, stand. Doch Piaggio wollte mit dem neuen Roller einen grösseren Schnitt machen. Für den italienischen Markt verschwand sogar der Name Vespa aus der Modellbezeichnung: Aus der Vespa R wurde schlicht die Piaggio Cosa. Auch der Name sollte deutlich machen, dass hier nicht einfach die nächste Vespa-Generation antrat, sondern Piaggio den Blechroller umfassend modernisieren wollte.

Ende 1987 lancierte Piaggio die Cosa. Ab 1988 kam sie als 125er, 150er und 200er in den Verkauf. Schon optisch machte die neue Wäschpi deutlich, wie ernst es Piaggio mit diesem Kurs meinte. Kantigere Konturen, grossflächige Kunststoffelemente und stärker in die Karosserie integrierte Bauteile verliehen ihr ein Erscheinungsbild, das sich deutlich von dem unterschied, was viele Vespisti bis dahin mit einer Vespa verbanden. Bei manchem dürften sich beim ersten Anblick deshalb eher die Nackenhaare als die Mundwinkel gehoben haben.

Auch technisch ging Piaggio deutlich weiter als bei einer gewöhnlichen Überarbeitung. Die Cosa erhielt eine hydraulische Integralbremse, eine automatische Starteinrichtung, einen elektrischen Benzinhahn und zusätzliche Anzeigen im Cockpit. Am unmittelbarsten zeigte sich der neue Kurs aber dort, wo ihn jeder sehen konnte: an der Karosserie und ihren ungewöhnlichen Formen.

Vespa-Cosa von Seitlich

Die Cosa zeigte klare Kante

Wie sah der neue Blechroller aus Pontedera nun eigentlich aus? Und warum wirkte er auf viele Vespisti sofort so ungewohnt? Der Grund dafür wurde schon deutlich, wenn man die Front betrachtete.

Über dem Beinschild sass ein breiter Lenkkopf mit kantig abgesetzten Flanken, in dessen Mitte der runde Scheinwerfer fast wie ein Gegenpol wirkte. Darunter fasste Piaggio das Beinschild mit vergleichsweise geraden Konturen ein und liess grössere, nur schwach gewölbte Flächen stehen. Die Blinker sassen bündig darin. Selbst der weiterhin gerundete Kotflügel lief zu den Seiten klarer aus.

Schon die PX wirkte gegenüber früheren Vespa-Modellen geradliniger und kantiger. Die Cosa führte diese Entwicklung noch weiter und setzte auf ausgeprägtere Kanten sowie stärker in die Karosserie integrierte Bauteile. Gestaltet wurde die Cosa von Paolo Martin, einem Turiner Designer, der zuvor unter anderem für Bertone, Pininfarina und Ghia gearbeitet hatte. Er war auch massgeblich an dem Designkonzept des keilförmigen Ferrari Modulo und des Fiat 130 Coupé beteiligt, man wusste also in Pontedera, was man bekam, wenn man einen Mann wie ihn engagierte.

Und Martins Vorliebe für radikale Designkonzepte zeigte sich auch an der Cosa. Glücklicherweise machte Martin aus ihr keineswegs einen komplett eckigen oder gar keilförmigen Roller. Hinter dem schmalen Durchstieg öffneten sich die Seitenhauben weit nach aussen und wölbten sich bauchig über Motor und Hinterrad. Gerade diese kräftigen Rundungen griffen vertraute Vespa-Proportionen auf, trafen hier aber auf eine Vorderpartie, deren geradere Linien und schärfer abgesetzte Flächen deutlich ungewohnter wirkten.

Auch der sichtbar stärkere Einsatz von Kunststoff veränderte die Wirkung. Dunkle Kunststoffflächen bedeckten weite Teile des Trittbretts und fassten die Karosserie an ihrer Unterkante ein. Blinker und Lüftungsöffnungen sassen bündiger in den umgebenden Flächen und traten weniger als aufgesetzte Einzelteile hervor. Mit diesem neuen Auftritt lieferte die Cosa unter Vespisti reichlich Stoff für Diskussionen.

Vespa-Cosa von Hinten

Die Technik zieht nach

Auch bei der Zündung und den Bremsen setzte Piaggio den Modernisierungskurs fort. Trat der Vespisti auf das Bremspedal, verzögerten Vorder- und Hinterrad gemeinsam. Piaggio verband dafür beide Trommelbremsen hydraulisch miteinander. Der Handbremshebel am Lenker blieb erhalten; über ihn betätigte der Vespisti die vordere Trommel weiterhin mechanisch per Seilzug.

Beim Kaltstart musste der Vespisti bei der Cosa keinen Choke mehr ziehen. Ein kalter Zweitakter benötigt zum Anspringen zunächst ein kraftstoffreicheres Gemisch. Bei älteren Vespas sorgte der Fahrer dafür über den Choke. Bei der Cosa übernahm diese Aufgabe die automatische Starteinrichtung. Auch der Benzinhahn musste bei der Cosa nicht mehr von Hand geöffnet und geschlossen werden. Ein Elektromagnet gab beim Start den Weg vom Tank zum Vergaser frei. Beim Abschalten der Zündung wurde die Kraftstoffzufuhr wieder geschlossen.

Damit entfielen mehrere Handgriffe, die bei älteren Vespas noch selbstverständlich zum Starten und Tanken gehörten. Beim Motor und Antrieb setzte der Hersteller aus Pontedera auf Bewährtes. Die Cosa 125, 150 und 200 arbeiteten weiterhin mit einem gebläsegekühlten Einzylinder-Zweitakter, Drehschiebereinlass und Vierganggetriebe.

Vespa-Cosa Schrägansicht

Die Cosa geht in die nächste Runde

Mit der Cosa 2 folgte 1991 eine umfangreiche Modellpflege. Piaggio überarbeitete den Roller an mehreren Stellen, ohne seine charakteristische Grundform grundlegend zu verändern. Manche Neuerungen fielen sofort ins Auge, andere bemerkte der Vespisti erst beim Kuppeln, Schalten oder Bremsen.

Am deutlichsten lässt sich die Cosa 2 am Heck erkennen. Piaggio spendierte ihr eine grössere, stärker ausgeformte Sitzbank und ergänzte seitliche Haltegriffe. Das Rücklicht wanderte weiter nach oben, während das Kennzeichen nun darunter sass. Zusammen mit dem überarbeiteten Kotflügel und einzelnen Änderungen an den Verkleidungsteilen unterschied sich die zweite Generation damit auch optisch von der ersten Cosa.

Piaggio nahm sich ausserdem Schaltung und Kupplung vor. Änderungen an deren Betätigung verringerten die nötigen Bedienkräfte und machten Gangwechsel sowie Kuppeln leichter. Auch die Instrumente wurden überarbeitet und besser ablesbar gestaltet.

Technisch am spannendsten war das Electronic Brake Control, kurz EBC. Ein Sensor überwachte die Drehbewegung des Vorderrads. Drohte es beim kräftigen Bremsen zu blockieren, regelte das System über elektrisch angesteuerte Ventile den hydraulischen Bremsdruck am Vorderrad zurück. Sobald sich das Rad wieder ausreichend drehte, konnte der Bremsdruck erneut steigen. Das EBC sollte vor allem auf rutschigem Untergrund verhindern, dass das Vorderrad beim Bremsen blockierte und der Roller dadurch schwieriger kontrollierbar wurde. Je nach Ausführung und Markt war das EBC optional erhältlich.

Zwischen Stirnrunzeln und Anerkennung

Die kantige Form der Cosa sorgte unter Vespisti von Beginn an für Diskussionen. Am Markt fand der neue Roller trotzdem seine Käufer: Bis 1991 hatte Piaggio mehr als 50’000 Exemplare verkauft. Auch beim Fahren konnte die Cosa überzeugen. Besonders positiv wurde die Integralbremse aufgenommen, Fahrwerk und Sitzkomfort fanden ebenfalls Anerkennung. In Spanien erhielt die Cosa 200 sogar die Auszeichnung „Moto dell’anno“.

Als Nachfolgerin der PX erfüllte die Cosa ihre vorgesehene Rolle allerdings nur teilweise. Piaggio produzierte die PX während der Cosa-Jahre für verschiedene Exportmärkte weiter und brachte sie 1994 auch in Italien wieder in den Verkauf. Aus der geplanten Ablösung wurde damit kein vollständiger Generationswechsel.


Technische Daten der Piaggio Cosa

Merkmal Cosa 125 Cosa 150 Cosa 200
Hubraum 123,4 cm³ 150 cm³ 197,97 cm³
Bohrung × Hub 52,5 × 57 mm 57,8 × 57 mm 66,5 × 57 mm
Motor Einzylinder-Zweitakter, Drehschiebereinlass, 3 Überströmkanäle Einzylinder-Zweitakter, Drehschiebereinlass, 3 Überströmkanäle Einzylinder-Zweitakter, Drehschiebereinlass, 3 Überströmkanäle
Vergaser Dell’Orto SI 20/20 H Dell’Orto SI 20/20 H Dell’Orto SI 24/24 H
Getriebe 4-Gang 4-Gang 4-Gang
Rahmenpräfix Cosa 1 VNR1T VLR1T VSR1T
Rahmenpräfix Cosa 2 VNR2T VLR2T VSR1T
Kraftstofftank 8 l 8 l 8 l
Öltank 1,3 l bei Ausführungen mit Getrenntschmierung 1,3 l bei Ausführungen mit Getrenntschmierung 1,3 l bei Ausführungen mit Getrenntschmierung
Bereifung 100/90-10 100/90-10 100/90-10
Radstand 1270 mm 1270 mm 1270 mm

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