Vespa Rally

14 Juli 2026

Die ungekrönte Königin von Pontedera

Fragt man Vespisti nach der besten Wäschpi aller Zeiten, bekommt man häufig dieselbe Antwort: die Rally 200. Kräftig im Antritt, schnell in der Spitze, verlässlich auch auf langen Strecken und natürlich wunderschön. Was ist dran am Ruf der ersten Classic Vespa mit elektronischer Zündung? Gilt sie zu Recht als Königin von Pontedera? Wir stellen dir die Rally 180 und 200 in unserem Beitrag genauer vor. Chumm mit uf e Rundi: mir luege, was d’Rally-Wäschpi bis hüt so legendär macht.

Wäschpi-Legende der 70er

Die Rally gilt bis heute als Flaggschiff der Siebziger und zählt über alle Baureihen hinweg zu den begehrtesten Vespas überhaupt. Ein gut erhaltenes Modell erkennst du schon auf den ersten Blick am aufgesetzten Schriftzug „Vespa Rally“. Beide Modelle tragen ihn, in geschwungenen Chromlettern – bei der 180 vorn wie hinten schräg gestellt, bei der 200 je nach Serie etwas anders angeordnet.

Im Profil zieht die Rally eine lange, ruhige Linie: vorn die hohe, aufrecht stehende Front, in der Mitte das flache Trittbrett, hinten die grossen, rund gewölbten Seitenbacken, die ein paar waagerechte Lüftungsschlitze aufweisen. Wie bei Wäschpis üblich, gewinnt sie Richtung Heck sichtbar an Volumen. Betrachtest du sie von vorne, siehst du den weich gewölbten Beinschild, der von einem Chromrand eingefasst ist. Am oberen Ende der Kaskade sitzt das Piaggio-Logo, darüber der runde Scheinwerfer zentral auf dem Lenkerkopf.

Während ihrer Bauzeit 1968 bis 1973 verliess die Rally-Wäschpi das Werk in Pontedera in malerisch klingenden Farbtönen wie Biancospino (Weissdornweiss), Argento metallizzato (metallisches Silber), Chiaro di Luna metallizzato (Schimmer von Mondlicht) oder Grigio Polaris (Polarisgrau). Aber auch in temperamentvollen Lackierungen wie Rosso Corsa, also Rennrot, Rosso Canyon oder Giallo Arancio (Gelborange) kam sie in den Verkauf. Vieles an ihrem charmanten Aussehen hatte die Wäschpi von ihren Vorgängermodellen geerbt. So ging ihre Basis auf die sportliche Vorgängerin, die 180 Super Sport, zurück, aber auch Elemente der 150 Sprint lassen sich erkennen.

vespa-rally

Temperamentvoll: Was die Rally antrieb

Doch nicht ihre wunderschöne Lackierung oder ihre sanfte, elegante Linie allein machten die Rally zu einem der beliebtesten Modelle. Auch ihre inneren Werte hatten daran erheblichen Anteil – genauer die Art, wie ihr Motor das Gemisch einliess. Bei ihren sportlichen Ahninnen, der 160 GS und der 180 Super Sport, steuerte noch der Kolben den Einlass: Seine Oberkante gab die Öffnung frei und verschloss sie wieder. Die Rally 180 brach damit. Als eines der ersten Modelle der Sport-Baureihe steuerte sie den Einlass über einen Drehschieber, bei dem eine Wange der Kurbelwelle den Einlasskanal überstreicht und ihn im richtigen Moment öffnet.

Angetrieben wurde die Rally 180 vom VSD1M, einem Einzylinder-Zweitakter mit 180,69 cm³ aus 63,5 Millimeter Bohrung und 57 Millimeter Hub. Das Verdichtungsverhältnis lag bei 8:1, im Graugusszylinder sassen drei Überströmkanäle, das Gemisch bereitete ein Dell’Orto SI 20/20 D auf, und geschmiert wurde über eine Gemischschmierung von 1:50. So kam die Maschine auf 10,3 PS bei 5700 Umdrehungen.

Die erste Wäschpi mit elektronischer Zündung

Nicht nur auf der Strasse zog die Rally 180 durch, auch der Verkauf lief in den ersten Jahren nach ihrer Lancierung im Jahr 1968 gut an. Auch aus diesem Grund stellte Piaggio der 180 im Jahr 1972 eine stärkere Schwester zur Seite: die Rally 200. Und diese Wäschpi war eine echte Zäsur in der Geschichte der Blechroller aus Pontedera, denn sie war die erste Vespa mit elektronischer Zündung. Während bei der 180 noch ein mechanischer Unterbrecherkontakt den Zündfunken auslöste, der gerne mal verschliss, oxidierte und auch oft mühevoll nachgestellt werden musste, übernahm bei der Rally 200 eine kontaktlose Magnetzündung des spanischen Herstellers Femsa das Zünden. Spätere Jahrgänge setzten dann aber auf ein Zündsystem von Ducati. Neben dieser Neuerung erwies sich die grosse Schwester auch darüber hinaus als Top-Sportmodell. Für reichlich Power sorgte bei der neuen Wäschpi ein Einzylinder-Zweitakter mit der Kennung VSE1M. Dieser schöpfte aus 197,97 cm³, bei 66,5 Millimeter Bohrung und 57 Millimeter Hub, und verdichtete mit 8,2:1. Für den grösseren Zylinder hatte Piaggio eigens das Motorgehäuse angepasst, und auch bei Vergaser und Auspuff legte man nach: Ein grösserer Dell’Orto SI 24/24 E versorgte die neue Vespa mit ausreichend Gemisch, so dass sie auf rund 12 PS bei 5700 Umdrehungen kam. Zwischen 104 und 110 km/h lief sie in der Spitze und setzte damit zum damaligen Zeitpunkt in ihrer Kubikklasse eine echte Duftmarke, die so schnell nicht überboten werden sollte.

vespa-rally

Mehr als eine Duftmarke: Bestwerte die bleiben

Dass Piaggio überhaupt so weit ging, hatte auch mit der Konkurrenz zu tun. Der Rivale Lambretta hatte mit schnellen 200ern wie der SX 200 und der GP 200 vorgelegt und bewiesen, dass ein Markt für flotte Roller bestand; mit der Rally 200 hielt Piaggio dagegen. Dahinter standen zwei ganz unterschiedliche Auffassungen davon, wie ein Roller zu bauen sei: hier die leichte, wendige Vespa mit ihrer selbsttragenden Blechkarosserie, dort die schwerere, bei hohem Tempo besonders laufruhige Lambretta mit ihrem Rohrrahmen.

Wie stark die Rally 200 tatsächlich war, zeigt sich auch daran, wie lange ihr Bestwert hielt. Ihre rund 12 PS blieben über Jahre die Spitze unter den klassischen Schaltvespas; keine war stärker. Selbst als Piaggio 1977 mit der P 200 E ihre Nachfolgerin vorstellte, kam diese nicht über die Rally hinaus, sondern erreichte dasselbe Niveau. Die Bestmarke, die das Modell 200 gesetzt hatte, blieb also bestehen, auch als der Blechroller schon nicht mehr gebaut wurde.

Beliebt bis zum heutigen Tag

Auch Verkaufszahlen und Bauzeitspanne spiegeln den Erfolg der Modellreihe deutlich wider. Von der 180 bauten die Werke in Pontedera zwischen 1968 und 1973 rund 26.500 Stück. Die 200 übertraf das noch: Sie lief von 1972 bis 1979 vom Band, blieb also in Summe gut zwei Jahre länger im Programm und brachte es in dieser Zeit auf rund 41.300 Exemplare – gut die Hälfte mehr als die 180.

Als die Rally 200 1979 auslief, hatte längst die P 200 E ihren Platz eingenommen. Geblieben ist die Königin trotzdem: Bis heute wird sie in den Vespa-Clubs gepflegt und gefahren, auf Ausfahrten und über die Pässe. Gesucht sind beide Modelle, und die 175er, die einheimische Ausführung der 180, ist unter Vespisti besonders begehrt. Das Spitzenmodell der Siebziger ist damit auch ein halbes Jahrhundert später noch das, was es immer war: eine Vespa, die man fährt.

 

Technische Daten im Überblick:

Merkmal Rally 180 (VSD1T) Rally 200 (VSE1T) Rally 175 CH (VRD1T)
Bauzeit 1968–1973 1972–1979 ca. 1970–1973
Hubraum 180,69 cm³ (63,5 × 57 mm) 197,97 cm³ (66,5 × 57 mm) ~175 cm³ (kleinere Bohrung, Hub 57 mm)
Verdichtung 8 : 1 8,2 : 1 wie 180
Leistung 10,3 PS bei 5700/min rund 12 PS bei 5700/min ~10 PS (7,2–7,3 kW)
Vergaser Dell’Orto SI 20/20 D Dell’Orto SI 24/24 E SI 20/20 D, andere Bedüsung
Einlass Drehschieber Drehschieber Drehschieber
Zündung Unterbrecher elektronisch (frühe Serie Femsatronic, spätere Ducati) Unterbrecher
Kühlung Gebläse Gebläse Gebläse
Schaltung 4-Gang-Handschaltung 4-Gang-Handschaltung 4-Gang-Handschaltung
Schmierung Gemisch 1 : 50 Gemisch 1 : 50 Gemisch 1 : 50
Gewicht (leer) nicht gesondert belegt 106 kg 105 kg
Stückzahl 26.495 41.275 nicht dokumentiert
Erkennung schwarze Frontfeder, kursiver Schriftzug schräg, Rücklichtdach in Wagenfarbe, keine Streifen Rallystreifen (weiss / silbergrau), „Electronic“, schwarzes Rücklichtdach, erste Vespa mit elektronischer Zündung Schweizer Markt, Typengenehmigung 600304

Instagram

Weitere Beiträge

Autres publications

Vespa Cosa

Vespa Cosa

Wie Piaggio die Vespa neu erfand Ende der Achtziger schickte Piaggio mit der Cosa einen Roller auf...

mehr lesen
Vespa 150 GS

Vespa 150 GS

Die schnelle Wespe mit Rennsport im Blut Rund 126'000 gebaute Exemplare zwischen 1955 und 1961,...

mehr lesen
Vespa 150 GL

Vespa 150 GL

Charmante Formen und Extra-Luxus für Vespisti Gran Lusso – grosser Luxus. Mit diesem Namen...

mehr lesen

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert