Die Balkan Perle der späten Töffli-Ära im Porträt
Wer Ende der 2000er-Jahre nach einem fabrikneuen Töffli suchte, hatte schon lange nicht mehr die Qual der Wahl. Viele europäische Mofahersteller hatten die Produktion längst eingestellt. Nicht so die ursprünglich slowenische Zweiradschmiede Tomos, die das Sprint Mofa Anfang der 1990er-Jahre auf den Markt brachte und bis in die 2010er-Jahre weiterentwickelte. In unserem Porträt erfährst du, wie sich die Balkan-Perle während ihrer langen Bauzeit veränderte, welche Technik in den verschiedenen Ausführungen steckte und warum das Sprint Mofa heute zu den spannendsten Töfflis seiner Generation gehört. Chumm mit uf e Reise dur d’Modellgschicht vom Tomos Sprint Mofa!
Der Anfang als Puch-Lizenzbauer
Neben den Platzhirschen wie Piaggio, Peugeot und Puch stand die ursprünglich slowenische Mofaschmiede Tomos immer etwas im Schatten. Gut möglich, dass das daran lag, dass die Tovarna motornih koles Sežana (Fabrik für Motorräder Sežana) ihre lange Tradition im Töfflibau in den 1950er-Jahren als Lizenznehmer begann. Denn neben Aussenbordmotoren baute Tomos in den Anfangsjahren zunächst Citroën-Autos und natürlich Puch-Mofas und Motorräder in Lizenz nach. Zu den ersten Austro-Hödis, die in der slowenischen Stadt Koper vom Band liefen, gehörten das schwere Motorrad Puch 250 SGS (Schwing-Gabel-Sport), der Puch-Roller RL 125 und die legendäre Stangl-Puch, also das MS 50 Töffli. Der Maurer-Bock wurde natürlich nicht als MS 50 vertrieben, sondern unter dem Namen Colibri. Im Laufe der Kooperation emanzipierte sich Tomos zusehends. Waren die frühen Colibri Hödis wie das Colibri T 03-, das Colibri T 12- und das Colibri T 13-Töffli strikt nach lizenzierten Plänen gefertigt, konstruierte Tomos für das Colibri 14V Mofa erstmals Motor und Getriebe selbst.

Die ersten eigenen 2-Takt-Töffli-Motoren
Das für die Motorenentwicklung erforderliche Know-how hatte sich der Hersteller aus Koper systematisch aufgebaut. Auf der Grundlage der Puch-Aggregate entwickelten die Slowenen mit dem LAMO 05K den ersten 2-Takt-Aussenbordmotor für Boote. Es folgten stationäre Zweitaktmotoren für Pumpen und 2-Takter für Rasenmäher. Die unterschiedlichen Einsatzgebiete, in denen sich die ersten Tomos-2-Takter bewährten, führten zu einer steilen Lernkurve der Ingenieure. Denn Pumpen-, Rasenmäher- und Aussenbordmotoren stellten jeweils andere Herausforderungen an die Konstruktion. Gebündelt wurde dieses Wissen ab 1962 in einer eigenen Entwicklungs- und Forschungsabteilung für Motorenentwicklung. Die Früchte dieser Entwicklungsarbeit waren nicht nur der erste eigene Motor, der das Colibri 14V antrieb. Denn ab dem Jahr 1973 stattete der Hersteller sämtliche motorisierten Zweiräder mit Motoren aus eigener Fertigung aus. Gleichzeitig nahm der Hersteller das Automatic 3 Mofa ins Programm. Für das neue Fahrzeug konstruierte Tomos neben dem A3-Motor mit automatischem Zweiganggetriebe auch einen eigenen Rahmen und richtete für dessen Produktion eine neue Fertigungslinie ein. Damit reichte die Eigenentwicklung erstmals über den Antrieb hinaus. Motor, Getriebe, Rahmen und Herstellung waren als gemeinsames Fahrzeugkonzept aufeinander abgestimmt. Diese Konstruktion bildete die Grundlage für weitere selbstständig entwickelte Töfflis, zu denen auch das Sprint Mofa gehörte.
Das Tomos Sprint Mofa: Ein Kind der 1990er-Jahre
Als das Tomos Sprint Mofa Anfang der 1990er-Jahre auf den Markt kam, hatten sich die Slowenen also längst vom einstigen Puch-Lizenznehmer zu einem eigenständigen und respektierten Mofahersteller gemausert. Die frühen Lizenzbauten lagen Jahrzehnte zurück. Inzwischen entwickelte Tomos eigene Motoren und produzierte neben dem Stammwerk im slowenischen Koper seit 1966 auch im niederländischen Epe. Im Sprint-Töffli arbeitete der luftgekühlte A35-Zweitaktmotor mit automatischem Zweiganggetriebe. Gussräder, eine kantige Frontmaske und der rechteckige Scheinwerfer gaben ihm ein zeitgemässes Erscheinungsbild, das sich von der Optik der Hödis früherer Jahrzehnte deutlich abhob. Übrigens hatte der Name Sprint bereits Tradition. Schon in den 1970er-Jahren hatte der Hersteller diesen Namen für das Tomos 15 Sprint Kleinmotorrad mit Fünfganggetriebe verwendet.

Gussräder und eine kantige Front als Eyecatcher
Markantes Merkmal der Mofas der ersten Baureihe waren die 16-Zoll-Gussräder mit breiten, geschwungenen Stegen. Sie verliehen dem Töffli einen sportlichen Auftritt und passten zur kantigen Front. Dort sass ein einzelner Rechteckscheinwerfer in einer schmalen Maske. Drei waagerechte Öffnungen darunter und Faltenbälge an der Teleskopgabel prägten die Ansicht von vorn.
Von der Seite fielen der tiefe Durchstieg, die grossflächigen Seitenteile und der breite, nahezu gerade Sattel ins Auge. Er reichte bis kurz vor den schlichten Rohrgepäckträger.
Modellpflege in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre
Im Lauf der nächsten Jahre passte der Hersteller die Sprint-Töfflis der ersten Generation an. Bei den Modellen ab dem Baujahr 1996 sass der Dell’Orto SHA Vergaser nun nicht mehr zentral, sondern auf der rechten Seite. Dies sollte vor allem die Zugänglichkeit und Wartungstätigkeiten sowie die Vergaserabstimmung erleichtern. Auch die Bremsanlage wurde angepasst. Die Trommeldurchmesser wuchsen von 90 auf 105 Millimeter, wofür Tomos die Radnaben entsprechend änderte. Gleichzeitig kamen abgedichtete Radlager zum Einsatz, die Schmutz und Feuchtigkeit besser von den Lagerstellen fernhielten. Werkseitig rollte das Töffli nun auf Slot-Rädern mit breiten, länglich durchbrochenen Stegen vom Band. Ab 1997 verbaute Tomos ausserdem Ten-Ray-Räder, bei denen zehn schmale Stege Nabe und Felgenring verbanden.
Der Wechsel zum A55 und die spätere Streamer-Front
Auf die Modellpflege der Jahre 1996 und 1997 folgte zum Modelljahr 2007 der nächste grössere Entwicklungsschritt. Tomos ersetzte im Sprint Mofa den bisherigen A35-Motor durch den A55. Mit dem Motorwechsel änderten sich zugleich die Gemischaufbereitung und die Abgasanlage: Statt des bisherigen Mofa-Vergasers kam ein Dell’Orto PHVA zum Einsatz. Und die neuen Hödis waren nun mit einem Katalysator ausgestattet. Äusserlich blieb die Front zunächst vertraut. Der einzelne Rechteckscheinwerfer sass weiterhin in der hohen Maske mit den waagerechten Öffnungen. Das änderte sich aber ab den Modelljahren 2009 und 2010. Ab diesem Zeitpunkt liefen die Sprint Mofas mit der Streamer-Maske an der Front vom Band. Sie war runder, breiter und stärker nach vorn ausgeformt als die bisherige Frontverkleidung. Der rechteckige Scheinwerfer blieb erhalten, wurde von der voluminöseren Maske nun jedoch enger eingefasst.
2011: Das Sprint Sport Mofa mit Doppelscheinwerfer
Nach der Neugestaltung der Front stellte Tomos dem Sprint-Töffli ein sportliches Schwester-Modell an die Seite. Die Variante bekam den Namenszusatz „Sport“. Auf den ersten Blick fiel bei dem neuen Hobel die erneut angepasste Frontpartie auf. Zwei kleine, runde Scheinwerfer sassen nebeneinander in einer breiteren, nach vorn gezogenen Frontmaske. Ein deutlich niedrigerer Lenker und lang gezogene Schriftzüge am Rahmen gehörten ebenfalls zu den auffälligsten Neuerungen. Auch das Sprint Sport Mofa nutzte den A55-Antrieb mit automatischem Zweiganggetriebe, Trommelbremsen an beiden Rädern und Pneus der Dimension 2.25 × 16. Tankinhalt und Leergewicht entsprachen ebenfalls dem des Sprint Mofas. Wirklich flotter war man damit also nicht unterwegs, aber die Optik wirkte deutlich rassiger.

Motor, Getriebe, Fahrwerk und Bremsen
Beim Streifzug durch die Modellgeschichte hatten wir die 2-Takter A35 und A55 ja bereits kurz erwähnt. Beide Motoren wollen wir dir in den folgenden Abschnitten aber noch etwas genauer vorstellen.
Der A35 mit Membraneinlass
Der luftgekühlte A35 kommt mit 38 Millimetern Bohrung und 43 Millimetern Hub auf 49 cm³. Zwischen Vergaser und Kurbelgehäuse sitzt eine Zweiblattmembran, die den Einlass des Frischgases steuert. Bewegt sich der Kolben nach oben, entsteht im Kurbelgehäuse Unterdruck und die Membranplättchen öffnen sich. Beim anschliessenden Abwärtshub steigt der Druck wieder an. Die Plättchen schliessen und verhindern, dass das Gemisch in Richtung Vergaser zurückströmt. Für die Gemischaufbereitung verbaute Tomos beim Sprint Mofa einen Dell’Orto SHA 14/12. Dieser kompakte Schiebervergaser kommt ohne Düsennadel aus. Die Hauptdüse hat deshalb über einen grossen Lastbereich entscheidenden Einfluss darauf, wie viel Kraftstoff in den Ansaugstrom gelangt.
Der A55 mit kolbengesteuertem Einlass
Beim A55 entfiel die Membran. Stattdessen gibt das Kolbenhemd während der Aufwärtsbewegung das Einlassfenster im Zylinder frei und verschliesst es beim anschliessenden Abwärtshub wieder. Bohrung und Hub blieben mit 38 und 43 Millimetern unverändert. Zylinder, Kolben und Ansaugtrakt passte Tomos jedoch an die kolbengesteuerte Einlasskonstruktion an. Den Dell’Orto SHA ersetzte ein Dell’Orto PHVA. Dieser Vergaser besitzt eine Düsennadel sowie eigene Systeme für Leerlauf und Kaltstart. Je nach Öffnung des Gasschiebers übernehmen dadurch unterschiedliche Bauteile einen grösseren Anteil an der Kraftstoffdosierung. Die bereits erwähnte Abgasanlage mit Katalysator gehörte ebenfalls zur A55-Ausführung des Sprint Mofas.
Zwei feste Gänge statt Variomatik
A35 und A55 übertragen ihre Leistung über ein automatisches Zweiganggetriebe. Das Sprint Mofa besitzt damit keine stufenlos arbeitende Variomatik, sondern zwei feste Übersetzungen mit jeweils einer eigenen Fliehkraftkupplung. Beim Anfahren überträgt zunächst die Kupplung des ersten Gangs die Motorkraft. Mit steigender Drehzahl greift die zweite Kupplung und die längere Übersetzung übernimmt. Diesen Gangwechsel kannst du beim Beschleunigen hören und spüren.
Ein moderner Oldtimer mit Charme
Das Sprint Mofa kam Anfang der 1990er-Jahre auf den Markt, als der grosse Mofaboom bereits lange vorbei war. Tomos entwickelte trotzdem ein neues Zweitakt-Töffli und hielt es fast zwei Jahrzehnte im Programm. Allein diese lange Bauzeit macht das Sprint Mofa zu einem bemerkenswerten Vertreter seiner Generation. Seine zweite Karriere beginnt heute oft in der Garage. Dort wird ein lange abgestelltes Sprint Töffli wieder hervorgeholt, gereinigt und technisch aufgearbeitet. Mit den passenden Tomos-Ersatzteilen lassen sich Motor, Bremsen und Antrieb wieder in Schuss bringen, während Gebrauchsspuren am Rahmen ruhig von den Jahren auf dem Schulweg oder vor dem Lehrbetrieb erzählen dürfen.







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